Neues aus der digitalen Konsumwelt

Vor kurzem wurde auch in Deutschland das „Google-Handy“ präsentiert: Hergestellt von HTC, ausgestattet mit dem Betriebssystem Android von Google und exklusiv vertrieben von T-Mobile. Was die heile Werbewelt jedoch nicht zeigt, konnte ich heute einer aktuellen Ausgabe der Zeitung „USA TODAY“ entnehmen: Ohne einen gültigen Google-Account kann das G1 nicht dafür genutzt werden, wofür es beworben wird …

„Feel like someone’s watching you? – Google’s G1 makes it easy to track surfing habits” – so der Titel der „Cover story“ der Zeitung USA TODAY vom 9. Februar 2009. Nanu, dachte ich, Datenschutz in der USA? – Sollte der Amtsantritt von Obama hier einen Sinneswandel mit sich gebracht haben? Neugierig las ich weiter und fand einen sauber recherchierten Artikel über eine weitere Entwicklungsstufe des WWW, die sich abzuzeichnen beginnt: Das mobile-web. Aber der Reihe nach.

Seit einigen Wochen wird das „Google-Handy“ vertrieben. In den USA und auch in Deutschland exklusiv im Vertrag mit T-Mobile. Das G1 erlaubt den Zugriff auf alle gängigen Web-Dienste wie E-Mail, Instant-Messages, Kontakt-Listen, Kalender, die Web-Suche usw. Wie jedes Smartphone benötigt auch das G1 ein Betriebssystem – in diesem Fall das von Google initiierte offene Betriebssystem Android. Und alle die genannten Dienste sind Google-Dienste. Tatsächlich, es war wohl nie einfacher, solche Dienste mobil zu nutzen, überall kommunizieren zu können – egal ob ich mal fix einen Begriff bei Wikipedia recherchiere oder die Abfahrtszeit des nächsten Busses an der Haltestelle, an der ich gerade stehe wissen möchte, weil wieder mal der Fahrplan abgerissen ist oder ich nicht weiß, ob gerade Schulferien sind und ein eingeschränkter Plan gilt… Verlaufen irgendwo in einer fremden Gegend? – das war gestern. Heute ist der Zugriff auf Google-Maps angesagt. Kein Problem mit dem G1. Und wo liegt nun das Problem?

Nun, um alle diese Dienste nutzen zu können, muss ich mich bei Google registrieren, im Unterschied zur Nutzung von Google von meinem PC aus. Damit habe ich keine Chance, der Datensammelwut von Google zu entgehen. Auf meinem PC kann ich noch einige Sicherheitsmaßnahmen ergreifen, die Google & Co. das Leben schwer machen. Mit dem G1 geht das nicht. Ich bin als Person eindeutig identifiziert und alle Suchanfragen, E-Mails, Kontaktadressen, Einladungen, die ich über den Kalender versende und die Adressen und Telefonnummern, der Leute, die ich einlade, alles ist bei Google gespeichert und mit meiner Person verknüpft. Nun noch ein paar Quer-Abfragen über diese Personen, und schon bin nicht nur ich „gläsern“, sondern mein gesamter Freundes- und Bekanntenkreis.

Tatsächlich, so wird in dem Artikel der USA TODAY ausgeführt, werden Informationen, die über die mobile Nutzung des WWW gewonnen werden, als „highly personalized“ gewertet. Und was hat das zu bedeuten, fragt sich vielleicht manche(r)? Nun, wovon lebt eigentlich Google, wovon erhalten die Aktionäre ihre Dividende? Das Konzept lautet Werbung. Aber nicht einfach so Werbung, sondern kontextbezogene Werbung. Werbung also, die zu mir passt, die genau das bewirbt, wofür ich mich interessiere. – Und woher weiß Google, wofür ich mich interessiere? – Nun, Google weiß einiges, aber eben noch nicht präzise genug. Das kann daran liegen, dass jemand das Cookie-Management des verwendeten Browsers ändert und sich auch ansonsten mit recht wachsamen Augen durch das Web bewegt, eben nicht „surft“. Das ärgert Google natürlich, weil der Gewinn höher sein könnte.

Und das ist auch der Hauptgrund, warum beispielsweise Google kostenlos seinen E-Mail-Vertrag anbietet, einschließlich 2 Gigabyte Speicherplatz… Mit diesem Account bin ich jederzeit für Google persönlich identifizierbar. Und die Werbung ist exakt auf mich zugeschnitten, bis hin zu Sonderangeboten… Und mit einem G1 als Handy wird ein solcher Vertrag mit Google nun quasi erzwungen.

Laut USA TODAY wird durch dieses spezifische Mobile-Marketing ein Umsatzvolumen von 2,2 Milliarden $ bis 2012 erwartet, ausgehend von etwa 0,8 Milliarden $ heute. Letztendlich wird wohl der Umsatz im traditionellen Web übertroffen werden, der heute bei 20 Milliarden $ liegt.

Der Benutzer kann sich dagegen kaum wehren, weil es zwar Datenschutzbestimmungen gibt, die Google für ausreichend hält, die aber eher einem undurchschaubaren Sammelsurium gleichen. So hat Google zwar eine zentrale Leitlinie – tue nichts böses – aber eben auch für jeden Dienst eine eigene, insgesamt mehr als zwei Dutzend, Richtline, die für den Laien in ihren Konsequenzen nicht durchschaubar sind. Allein beispielsweise das Recht des Nutzers, Einsicht in die über ihn gesammelten Daten nehmen und eine Löschung veranlassen zu können, ist nicht vorgesehen.

Hier muss grundlegend nachgebessert werden – so wird in dem Artikel in der USA TODAY gefordert: „Es kann nicht sein, dass ein nationales Datenschutzgesetz auf der aktuellen Zusicherung eines gerade amtierenden Firmenchefs basiert.“

Was speichert Google, um das Datenprofil des Benutzers zu erstellen?

  • Anschalten des G1: Der Google Account wird aktiviert (falls dieser nicht schon vorhanden war) und eine ID (unique identifier) wird generiert. Unter dieser ID werden die Daten gesammelt, die mit Daten, die anderweitig gesammelt wurden, abgeglichen werden können.
  • Suchanfrage im WWW über den eingebauten Google-Suchdienst: Erfassen der Suchanfragen und verfolgen der Navigation auf den Webseiten, die von Google unterstützt werden (YouTube, alle Seiten mit Google-gestützter Werbung …)
  • Mit dem G1-Kalender einen Termin festhalten: Speichern aller E-Mail-Kontaktadressen und Telefonnummern, die damit im Zusammenhang stehen
  • E-Mail mit G-Mail empfangen und versenden: Speichern des vollen Mail-Inhaltes auf den Google-Servern und scannen der E-Mail nach Viren
  • Ein Restaurant finden mit Maps, StreetView und MyLocation: Speichern der Suche und des Ortes, von dem aus gesucht wurde
  • Anschauen eines Videos auf YouTube: Speichern einer Liste der angesehenen Videos
  • Dokumente öffnen und anschauen: Speichern der Dokumente (Anlagen an E-Mails) auf Google-Servern und scannen nach Viren

Wie bereits gesagt: Der Benutzer darf keine Einsicht nehmen, was Google bereits alles unter seiner ID gespeichert hat. Nun will ich hier keine Antiwerbung betreiben – ob jemand sich ein G1 (oder dessen Nachfolger) zulegt, muss jeder selbst entscheiden.

Aber: Googles Mantra ist die kontextbezogene Werbung. Die kann per G1 wesentlich besser platziert werden. Google wird mir dann also sagen, was für meinen Alltag von Bedeutung ist. Oder? Einen Werbe-Tab im Browser kann ich einfach wegklicken und meinen Browser clever konfigurieren, damit das zunehmend weniger passiert. Mit drei (???) Werbe-SMS (oder MMS?) pro Stunde, weil mein Handy gerade eingeschaltet ist, könnte ich vermutlich nicht so gut klarkommen. Die dringen in mein Leben einfach ein. Ungefragt.

Vermutlich wird es eine Reihe von neuen Business-Modellen geben, die diese Möglichkeiten propagieren und realisieren. „Einiges davon wird spannend sein und einiges ein wenig grausam, wie das Internet eben auch“ – so das abschließende Fazit des Artikels in der USA TODAY.

Hier zum Abschluss noch zwei interessante Links zum Thema:

Reiner