Fridays for Future? – No: All days for Future!

Seit einigen Wochen schwänzen junge Leute freitags die Schule und treffen sich zu Demonstrationen gegen die unzureichende Tätigkeit der Politik zur Einhaltung der Klimaziele von Paris. „Fridays for Future“ nennt sich diese Bewegung unter der Demonstrations-Losung „Wir sind hier und wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“. Inzwischen wird die Bewegung auch von verschiedensten Vertretern der älteren Generation unterstützt, vor allem von Wissenschaftlern („Scientists for Future“), Eltern („Parents for Future“) und Lehrern („Teachers for Future“). Diese Bewegung hat meine volle Unterstützung, einschließlich der Tatsache, dass dabei einige Schulstunden „ausfallen“, denn anderenfalls würde vermutlich kaum jemand Notiz von den Aktionen nehmen. Volle Unterstützung erhält die Bewegung jedoch nicht nur durch mich persönlich, sondern vor allem auch durch einen seit vielen Jahren bestehenden kleinen Freundeskreis, der, wie ich, ebenfalls zu der „älteren“ Generation gehört und sich seit vielen Jahren mit Zukunftsfragen befasst.
Als vor einigen Wochen die ersten größeren Schüler-Demonstrationen in Deutschland stattfanden habe ich spontan gedacht: Endlich. Sie sind aufgewacht. Und: Hoffentlich halten sie weiter durch. Und gleichzeitig gingen mir unheimlich viele Gedanken durch den Kopf. Einige dieser Gedanken haben wir in unserem Freundeskreis vergangene Woche erörtert. Im Sinne einer Selbstverständigung möchte ich im Folgenden einige Überlegungen zu diesem Themenkomplex kurz darstellen.

Vom Umgang mit komplexen Problemen, deren Auswirkungen in der Zukunft liegen

Die gegenwärtig spürbaren Auswirkungen des Klimawandels sind eigentlich nur vergleichbar mit der Spitze eines Eisberges: Da ist etwas, was nicht übersehen werden kann, aber der weitaus größte Teil ist gar nicht sichtbar. Das Problem ist offensichtlich viel, viel größer und nicht so einfach überschaubar. Tatsächlich ist in alltäglichen Diskussionen angesichts der für viele Menschen spürbaren Zunahme extremer Wetterereignisse immer wieder die Frage zu hören: Ist das einfach nur Wetter, also eine zufällige Erscheinung, oder bereits eine Auswirkung des Klimawandels, also eine systematische Verschiebung der Häufigkeit bestimmter Wetterereignisse? Die Antwort als solche ist relativ einfach, jedoch ist die Interpretation schwierig, denn es handelt sich um eine Wahrscheinlichkeitsaussage: Mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit ist das eine Auswirkung des Klimawandels, mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit nicht.
Wie gehen wir Menschen mit Wahrscheinlichkeiten um? – Wir tun uns zumindest nicht leicht damit. Ein Lottospieler, befragt, warum er bei einer Gewinn-Wahrscheinlichkeit von 1:140.000.000 um den Jackpot spielt (die Wahrscheinlichkeit, vom Blitz getroffen zu werden und dadurch zu sterben, ist mit 1:18.000.000 fast zehnmal größer), wird vielleicht antworten, dass gerade er jetzt, an diesem Wochenende, den Hauptgewinn landen wird… Vielleicht ist derselbe Lottospieler gleichzeitig auch Raucher. Und gefragt, warum er bei einer hunderttausendfach höheren Wahrscheinlichkeit von 1:1.400 an den Folgen seines Rauchens zu sterben, mit dem Rauchen nicht aufhört, wird er vielleicht mit der Gegenfrage antworten, warum es gerade ihn treffen soll, als genau den Einen von den 1.400, der daran stirbt… Offensichtlich ist es das individuelle Empfinden, wie jemand ganz persönlich mit ihn betreffenden Wahrscheinlichkeiten umgeht. Und wenn die Ereignisse sehr unwahrscheinlich sind oder fernab in der Zukunft liegen dann ist der Umgang damit vermutlich eher willkürlich. Im Gegensatz zu unmittelbar treffbaren Entscheidungen, beispielsweise, ob ich bei einer Regenwahrscheinlichkeit von 95:100 den Schirm zu Hause lasse oder mitnehme: Hier werde ich vermutlich ganz pragmatisch den Schirm eben mitnehmen.
Entscheidungen bezüglich des Klimawandels gehören wohl eher in die erste Kategorie. Ich kann jede Ausrede, warum ich nichts dagegen unternehme, damit begründen, dass es ja alles nur Wahrscheinlichkeitsaussagen sind. Andererseits spüre ich bei vielen Diskussionen im Alltag inzwischen ein Unbehagen bei den meisten Menschen, mit denen ich über solche Themen rede. Ein unbestimmtes Gefühl, dass da irgendetwas schief läuft und man eigentlich etwas dagegen tun müsste und das es so nicht ewig weitergehen kann. Aber im Moment geht es eben noch. Und ich als Einzelner kann doch sowieso nichts ändern. Und rundherum macht doch auch keiner was anders als sonst…
Und plötzlich sind da die jungen Leute, die freitags die Schule schwänzen und zur Demo gehen.

Das Eisberg-Problem

Ich habe weiter oben bereits den Vergleich mit einem Eisberg bemüht, um eine Vorstellung von der Problematik des Klimawandels zu bekommen. Ja, ein Eisberg ist unübersehbar – der Klimawandel ebenfalls. Und: Nur ein Siebtel des Eisberges ragt über das Wasser hinaus, sechs Siebtel sind unsichtbar unter Wasser verborgen. So ist es meines Erachtens auch mit dem Klimawandel. Die tieferen Ursachen dafür sind auf den ersten Blick nicht erkennbar.
Die Ergebnisse der Klimaforscher zeigen, dass der Klimawandel ganz klar vor allem durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe angetrieben wird. Seit Beginn der industriellen Revolution vor etwa 150 Jahren wurde durch die Verbrennung von Kohle und Erdöl für Zwecke des industriellen Energiebedarfs und des Transports so viel CO2 freigesetzt, dass zusätzlich zum natürlichen Treibhauseffekt eine Temperaturerhöhung von etwas über einem Kelvin nachweisbar ist. Das größte Problem dabei ist gar nicht einmal die Temperaturerhöhung an sich, sondern vor allem das Tempo dieses Temperaturanstiegs.
So viel zu den Fakten. Steht die Frage, warum ist das so, dass seit 150 Jahren so viel mehr Energie für die menschliche Lebenstätigkeit benötigt wird. Was hat sich für die Menschheit geändert? – Zuerst leben einfach viel mehr Menschen auf der Erde als vorher. Es können tatsächlich viel mehr Menschen versorgt werden als vor einigen 100 Jahren. Für viele Menschen ist darüber hinaus der Lebensstandard deutlich gestiegen. Elektrizität ermöglichte vernünftige Beleuchtung in der Dunkelheit, ebenso völlig neue Kommunikationsmöglichkeiten bis hin zum Internet. Neue Verkehrsmittel ermöglichten bequemes und schnelles Reisen. Kaffee oder Obst aus tropischen Ländern ist für uns heute alltäglich verfügbar.
Schaut man sich die Entwicklung jedoch genauer an, so zeigt sich einerseits, dass dieser Lebensstandard bei weitem nicht allen Menschen zur Verfügung steht. Viele Menschen können sich diesen Wohlstand nicht leisten, denn nur wer genug Geld hat kann diese Errungenschaften genießen. Andererseits zeigt sich eine bemerkenswerte zeitliche Entwicklung. So gab es in den 70-er Jahren, also in meinen persönlichen Sturm- und Drang Jahren, beispielsweise keine Mobiltelefone, von Smartphones und Internet ganz zu schweigen. An öffentlichen Fernsprechern klebte der offizielle Hinweis „Fasse Dich kurz!“. Ich kenne noch Dampfloks als planmäßige Bespannung vor Schnell- und Güterzügen auf der Saale-Bahn in Jena, bevor diese in den 80-ern (erneut) elektrifiziert wurde. Heute ist in Deutschland die Nutzung privater PKWs so hoch wie nie zuvor und ein verlängertes Wochenende auf Mallorca nichts Ungewöhnliches.
Beide Aspekte sind bemerkenswert: Sowohl die Differenziertheit – oder sollten wir das nicht besser Ungerechtigkeit nennen – des Lebensstandards als auch dessen in den letzten Jahren sich immer weiter beschleunigende Entwicklung. Mahnende Worte, die es auch in der Vergangenheit zur Genüge gab, wurden freundlich ignoriert. Ich erinnere nur an die Forderung der Grünen, ich glaube in den 90-ern, den Benzinpreis auf 5 DM (heute 2,50 €) anzuheben. Sie wurden ausgelacht und politisch abgestraft durch schlechte Wahlergebnisse. Oder gegenwärtig die simple Forderung nach einer generellen Geschwindigkeitsbegrenzung auf unseren Autobahnen auf 130 Km/h, zu der unser Verkehrsminister meint, das sei „gegen jeden Menschenverstand“.
Die dargestellte Entwicklung war nur möglich durch immer fortwährendes Wachstum. Von Jahr zu Jahr mehr. Mehr Brutto-Inlandsprodukt, mehr Autos, mehr Reisen, mehr Komfort, mehr Lohn, mehr Zinsen auf dem Sparbuch, mehr, mehr, mehr. Wir waren Getriebene des Wachstums und sind es bis heute. Und wir haben es selbst mit angetrieben durch den Kauf und die Inanspruchnahme der versprochenen Vorteile. Natürlich ist das bequem. Die Folgen dieses Lebensstils? Egal – alle leben doch so. Die aus Südamerika importierten Erdbeeren zu Weihnachten sind doch sowieso da. Warum soll ich sie dann nicht auch kaufen? Wenn sie niemand kauft, werden sie weggeworfen – auch nicht besser, oder?
Was verbirgt sich hinter alldem als eigentliche Ursache, wie sehen die sechs Siebtel des Eisberges aus, die unter der Oberfläche sind? Letztlich ist es die kapitalistische Produktions- und Lebensweise, die seit einigen hundert Jahren praktiziert wird und immer mehr Lebensbereiche dominiert. Inzwischen auch weltweit dominiert. Kern dieser Produktions- und Lebensweise ist der Zwang zu immerwährendem Wachstum. Kapital wird eingesetzt um etwas zu produzieren, ein Gut oder eine Dienstleistung, zu dem Zweck, dass am Ende mehr Kapital herauskommt. Eine Rendite muss sein. Es muss „sich rechnen“. Wenn das Produkt auch einen anerkannten, guten Nutzen hat – schön. Wenn der Nutzen nicht so richtig erkennbar ist muss das Marketing es halt richten. Entscheidend ist nur eines: Rendite. Rendite ist letztendlich der Zweck dieser Produktions- und Lebensweise.
Nun ist unser Planet aber ein begrenztes System, fortdauerndes Wachstum also schlicht nicht möglich. Wird es trotzdem versucht, so stößt es unweigerlich irgendwann an seine Grenzen. Ein Beispiel: Luftverkehr. Dass dies die umweltschädlichste Verkehrsart ist, darüber sind sich alle Beteiligten einig. Trotzdem wird immer mehr Werbung gemacht für Kurztrips beispielsweise bei durch Brückentage verlängerten Wochenenden. Oder es wird mit Billigpreisen versucht, die Menschen zu Kurzstreckenflügen zu bewegen, auf Strecken, die bequem auch mit der Bahn bedient werden könnten. Wieso geht das? – Nun, die Airlines müssen beispielsweise auf Kerosin keine Steuern bezahlen. Auf den Ticketpreis wird bei Flügen in das Nicht-EU-Ausland keine Mehrwertsteuer erhoben. Anders bei der Bahn: Ab 50 Km Entfernung liegt der volle Mehrwertsteuersatz auf dem Ticketpreis. Diesel und Strom muss die Bahn voll versteuern. Fragt man die Politiker, warum beispielsweise Kerosin nicht besteuert wird, kommt als Standardantwort immer, dass die Airlines dann nicht mehr konkurrenzfähig wären und Arbeitsplätze wegfallen würden. Ehrlicherweise wäre aber zuerst zu sagen, dass die Aktionäre der Airlines dann keine Rendite erzielen würden, denn das ist der eigentliche Zweck des Unternehmens. Der Flugbetrieb und damit die dafür erforderlichen Arbeitsplätze ist lediglich das Mittel zum Zweck. Und dass dabei der Klimawandel befeuert wird, nun ja, wie die Militärs sagen würden: Kollateralschaden.
Anders ausgedrückt: Durch Umweltverschmutzung sichern wir uns den Wohlstand, der zu immer mehr Umweltverschmutzung führt. Oder: Der Klimawandel ist eine Konsequenz unseres Wohlstands und wenn wir diesen Wohlstand weiter steigern wollen, dann müssen wir eben den Klimawandel weiter vorantreiben. Ein Teufelskreis. Und zwar einer von der ganz fiesen Sorte, denn der größte Teil der Menschheit hat noch gar nicht unser Wohlstands-Niveau und will es natürlich – gerechterweise – auch haben und auch viele Menschen bei uns können – ungerechterweise – daran nicht teilhaben… Was also tun? Offensichtlich erweist sich der oben zitierte Eisberg als ein ganz schön dickes Ding, was wohl kaum einfach so zu umschiffen sein wird.

Meinen Kindern soll es einmal besser gehen

Das war die stehende Redewendung, wenn man einen Vertreter meiner Generation danach gefragt hatte, was er sich für seine Kinder und Enkel am Ende wünscht. Ja klar, ein noch besseres, komfortableres, sichereres Leben – ein nachvollziehbarer, schöner Wunsch. Wir stellen uns vor, dass unsere Kinder sich nicht erst mühsam ihren Haushalt von nahezu Null an aufbauen müssen, sondern einen soliden finanziellen Anschub mitbekommen. Die Welt sollen sie in ihrer Jugend kennenlernen – eine Fernreise nach dem erfolgreichen Schulabschluss wäre da gut vorstellbar. Ach so, der Führerschein mit 17 und das zugehörige Auto mit 18 wären auch etwas sehr Schönes und Nützliches. Und das Smartphone gibt es schon viel eher, vielleicht zum Start im Gymnasium, in der fünften Klasse oder vielleicht sogar schon noch früher.
Wie wird das finanziert? Nun ja, vielfach haben die Eltern, öfter noch die Großeltern etwas angespart, auf die „hohe Kante“ gelegt. Heute würde man eher sagen müssen, sie haben etwas Geld „angelegt“. Das meint, dass Zinsen von der Geldanlage erwartet werden, das Geld soll „arbeiten“. Hat jemand schon mal Geld arbeiten sehen? Gewiss nicht. Gemeint ist, dass es Rendite bringen, also als Kapital eingesetzt werden muss. Nun wird kaum jemand mit ein paar angesparten Euros die Aktien einer Airline kaufen, das wäre nicht sinnvoll. Aber das Geld in einem Fonds anzulegen, der von einer Bank gemanagt wird und der auch Aktien von Airlines hält, das ist weit verbreitete Praxis. Und weil die Gelder, die der Fonds verwaltet sichere Rendite bringen sollen, werden da auch Aktien von Bauunternehmen, Autoherstellern, Gesundheitsdienstleistern, Rüstungsschmieden, und, und, und mit im Portfolio sein.
Nun ist das ja mit der Starterleichterung für die Kinder oder Enkel so eine Sache – das kann man tun, muss es aber nicht, oder tut es vielleicht nur in einem geringeren Umfang. Schließlich sollen die Kinder ja auch merken, dass das Leben kein „wünsch dir was“ ist. Viel schlimmer, weil inzwischen nahezu unverzichtbar, ist das mit der eigenen, sogenannten „privaten Altersvorsorge“ der älteren Generation. Seit vielen Jahren wird das solidarische Rentensystem zurückgefahren. Grund: Die Unternehmen müssen die Hälfte des monatlichen Beitrages zur Rentenversicherung bezahlen, und das schmälert schließlich unmittelbar deren Rendite. Also sollen doch bitteschön die Rentenbeiträge gesenkt werden oder zumindest nicht steigen und die Leute sollen selber privat für ihre Rente vorsorgen. Gemeint ist damit, einen Teil des Einkommens für die Rente anzusparen. Sprich anzulegen, mit möglichst guter Rendite, … – siehe oben.
Hier haben wir die Stelle, wo sich die Katze in ihren Schwanz beißt. Was heißt denn gute Rendite? Letztlich Wachstum. Gute Rendite über ein langes Arbeitsleben? Letztlich permanentes Wachstum.
Jetzt können wir wieder einmal nach oben schauen, zur Spitze des Eisberges. Wenn wir also gute Startbedingungen für unsere Kinder und Enkel wollen oder für eine auskömmliche Rente privat vorsorgen müssen, dann ist das bei der gegenwärtigen Produktions- und Lebensweise zwangsläufig damit verbunden, dass wir den Klimawandel vorantreiben, und zwar beschleunigt. Im Umkehrschluss bedeutet das natürlich genauso, dass, wenn wir den Klimawandel zurückdrängen wollen, wir entweder unseren Kindern und Enkeln (fast) nichts für den Start mitgeben können und für unser eigenes Alter nicht hinreichend vorsorgen können. Ein Teufelskreis. Wie bereits gesagt, einer von der ganz fiesen Sorte.
Schaut man sich die Fachliteratur zu Teufelskreisen an, so wird als eventuell möglicher Ausweg immer vorgeschlagen, die Perspektive zu wechseln, sich also „über den Kreis“ zu erheben, von oben, von außen drauf zu schauen und Randbedingungen zu suchen, die eventuell geändert werden können. Der Teufelskreis würde dann quasi „geöffnet“. Tatsächlich, gäbe es auch in unserem Fall eine Option, die aus dem beschriebenen Teufelskreis herausführen kann: Die „Randbedingung“, also unsere Produktions- und Lebensweise zu verändern. Das ist an dieser Stelle zugegebenermaßen leicht daher gesagt. Aber es wäre eine Möglichkeit. Eine Möglichkeit jedoch mit harten Konsequenzen.
So müsste zuallererst anerkannt werden, dass die Kapitallogik bis heute zwar zu einem enormen Lebensstandard für viele geführt hat, sie diesen Standard aber nicht für alle Menschen sichern kann ohne unsere Lebensgrundlagen zu zerstören. Der angehäufte Reichtum der Minderheit muss also im Sinne der Gerechtigkeit sinnvoll umverteilt werden. Das meint definitiv keine Gleichverteilung, sondern angemessenen Verzicht dort, wo sehr viel ist und erforderliche Zuwendung dort, wo zu wenig ist. Diese Anerkenntnis muss verbunden sein mit einer Abbitte, einer Bitte um Entschuldigung an die Menschen, auf deren Kosten wir bisher unseren Reichtum angehäuft haben. Muss verbunden sein mit einer Abbitte an die jungen Menschen, deren zukünftige Lebensgrundlagen durch die Anhäufung unseres Reichtums in Frage gestellt sind. Und muss verbunden sein mit einer Abbitte aller der verantwortlichen Politiker und Entscheider, die heute noch, ich behaupte, oftmals wider besseren Wissens, diese Kapitallogik propagieren und als die beste Gesellschaft hinstellen, in der die Menschheit je gelebt hat.
Des Weiteren muss gemeinsam erörtert werden, was es zukünftig heißt, gut zu leben. Bezogen auf die jetzige Art in Wohlstand zu leben wird das in vielerlei Hinsicht wahrscheinlich Verzicht bedeuten. Verzicht auf mehrere Urlaubsflüge im Jahr. Verzicht auf das Brötchenholen mit dem Auto beim 500 Meter entfernten Bäcker. Verzicht auf frisch eingeflogene Erdbeeren zu Weihnachten. Verzicht auf den Geschwindigkeitsrausch im eigenen SUV bei 230 Stundenkilometern auf der Autobahn. Verzicht auf die Auswahl von 50 Sorten Bier aus der ganzen Welt. Verzicht vielleicht auch auf das allwöchentliche Grillen unseres wohl verdienten Steaks oder Rostbrätels.
Aber gewiss kein Verzicht auf einen schönen Urlaub und auf das Erkunden der ganzen Welt. Kein Verzicht auch auf wunderbare frische Brötchen zum Wochenendfrühstück. Kein Verzicht auf selbst angesetzten Rumtopf mit Erdbeeren zu Weihnachten. Kein Verzicht auf eine individuelle Fahrt mit einem PKW. Und auf gar keinen Fall der Verzicht auf ein gutes Bier oder das Zubereiten von Stockbrot am Lagerfeuer. Wie eine solche Produktions- und Lebensweise funktionieren kann, dazu gibt es bereits viele Überlegungen. Die können ja als Anregung dienen für unsere anstehende, notwendige Diskussion.
Das schwierigste Problem wird wohl der Weg hin zu einer anderen, nichtkapitalistischen, solidarischen Produktions- und Lebensweise sein. Einerseits, weil wohl doch erst einmal der Verzicht dominieren wird, bevor die Alternativen als gut und lebenswert anerkannt und gelebt werden. Gewohnheiten sind zäh. Und andererseits, weil die in höchstem Maße achtenswerte Lebensleistung vieler Menschen sich für sie teilweise als Lebenslüge erweisen wird. Der Umgang damit bedarf vielleicht einer kollektiven Selbstverständigung, damit wir darüber nicht unsere Selbstachtung verlieren.
Viele aus der älteren Generation wissen nicht erst seit heute um die dargestellten Probleme. Viele wissen seit langem, dass wir auf Kosten der Umwelt und damit der Zukunft, auf Kosten anderer Menschen und damit der Gerechtigkeit leben. Die Konsequenz, dass wir damit unserem eigenen Wunsch, unseren Kindern und Enkeln möge es besser gehen, zuwider handeln wird vielen aus unserer Generation erst langsam bewusst.
Ich kann die junge Generation nur bestärken, ihre Forderungen laut und deutlich und unnachgiebig zu stellen. Wir – gemeint ist wieder der eingangs bereits erwähnte kleine Freundeskreis, helfen gerne dabei, die angerissenen Probleme genauer zu erörtern. Wir unterstützen Eure Forderungen. Als am 8. April 2019 die Forderungen an die Politik veröffentlicht wurden, dachte ich mir: Oha, fürs Erste einmal sehr gute Forderungen: Sofortige Einstellung jeglicher Subventionierung von fossilen Energieträgern; Stilllegung eines Viertels der Kohlekraftwerke bis Ende 2019 und starke Besteuerung der Emission von Klimagasen. Und das Beste: Die Politik möge selber beschließen, wie sie die Forderungen umsetzt. In meinem Kopfkino sah und hörte ich schon die Schnappatmung einiger Damen und Herren Politiker…
Ich selbst kann die junge Generation nur um Nachsicht bitten, dass wir nicht die Traute hatten, solche Forderungen schon vor Jahren aufzumachen, als für uns zumindest die Konsequenzen schon erkennbar waren. Bringen wir es also wenigstens jetzt gemeinsam voran. Nicht nur freitags, sondern Alltags.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.