Archiv der Kategorie: Fundstücke

Neuer Bitkom-Chef hält Datensparsamkeit für veraltet und hinderlich

Anfang Juli 2015 wurde der Vorstandschef des Mobilfunkanbieters Telefónica Deutschland, Thorsten Dirks, als neuer Präsident des Bundesverbandes Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) gewählt. In dieser Funktion gab er vor einigen Tagen eine Pressekonferenz anlässlich des Jahrestages der digitalen Agenda der Bundesregierung.

Dabei sieht er die in Deutschland bestehenden Prinzipien des Datenschutzes als Hindernis:

„Das Prinzip der Datensparsamkeit hat sich in fast allen Lebensbereichen überholt“ [Quelle], so Dirks. Und: „Der Datenschutz muss abgewogen werden gegenüber der Informationsfreiheit und dem Recht auf körperliche Unversehrtheit, etwa wenn man an Big-Data-Anwendungen in der Medizin denkt.“ [Quelle]

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Demokratie? – Lobbykratie!

Dass Deutschland einen guten Teil seines Stroms (2013 etwa 5%) exportiert, ist bekannt. Es gibt also ein deutliches Strom-Überangebot. Damit könnte Deutschland einige der umweltschädlichsten Kraftwerke problemlos abschalten. Damit würden auch die selbst gesteckten Klimaziele erfüllt werden.

Stopp – da gibt es ein Problem: Deutschland kann nicht abschalten, sondern das können nur die Kraftwerksbetreiber tun. Und die denken gar nicht daran. Bringen doch die schlimmsten Dreckschleudern, alte, abgeschriebene Braunkohlekraftwerke, im Moment die größten Gewinne, weil sie den Strom zu den geringsten Kosten produzieren. Weiterlesen

Gratulation: Big Brother Award für Google

Am 12. April 2013 erhielt Google den Big Brother Award in der Kategorie Globales Datensammeln verliehen. Von mir gibt dazu ausdrücklichen Beifall, mehr noch: Stehende Ovationen.
Die Laudatio, gehalten von Rena Tangens und padeluun vom digitalcourage e. V. ist außerordentlich lesenswert. Ihr stimme in vollem Umfang zu.
Für alle diejenigen, welche die in der Laudatio erwähnten Alternativen nicht kennen und schnell mal testen wollen hier zwei Empfehlungen von mir:

  • Metager2 für eine sehr sichere und weitgehend von Müll befreite Trefferliste und
  • startpage – die Suche, die ich selber seit Langem benutze (seit scroogle.org nicht mehr verfügbar ist) und die sehr gut anpassbar ist [Link Sucheinstellungen oben rechts]. Übrigens: Diesen Link verwende ich selbst als Startseite – einfach anklicken und den Link als Startseite im Browser festgen.

Viel Spaß beim Probieren und: Der Abschied von Google sollte nicht allzu schwer fallen – vielleicht es ja der Anlass für eine nette Party zum Thema Datenschutz?

Aus Konsumenten werden Makers – die nächste industrielle Revolution?

Vor etwa acht Jahren haben wir uns im Zusammenhang mit Überlegungen zu einer möglichen zukünftigen Produktions- und Lebensweise mit generativen Fertigungsverfahren befasst [http://zw-jena.de/arbeit/rp.html]. Die Ausgangs-Fragestellung war damals die Feststellung, dass viele, auch heute bereits praktizierte „utopische“ Lebensweisen häufig der Nutzung moderner Techniken eher ablehnend gegenüber stehen. Wir jedoch stehen einer Nutzung moderner Produktionstechniken durchaus aufgeschlossen gegenüber, wenn dies nicht in einem kapitalistischen Reproduktionszusammenhang geschieht. Im Bereich der Software gibt es das heute in Form der freien Software bereits. Auch bei der Herstellung von ausgewählten Verbrauchgütern gibt es das bereits [http://freebeer.org/blog/].

In ausgewählten Bereichen hat sich in den letzten zwanzig Jahren bereits eine Entwicklung vollzogen, die sich auf die Produktions- und Lebensweise auswirkt: Beispielsweise beim Drucken von Prospekten, Broschüren, individuellen Briefen, Einladungen oder Visitenkarten. Früher gab es in jedem etwas größeren Ort sogenannte Akzidenzdruckereien, die solche Dokumente herstellten. Heute ist der Akzidenzdruck quasi verschwunden – jeder, der es benötigt, erstellt sich das Dokument selbst bzw. geht mit der fertigen Datei in einen Copy-Shop und erstellt es dort.

Inzwischen ist so etwas nicht nur Drucksachen möglich, sondern mit Hilfe sogenannter 3-D-Drucker auch mit (nahezu) beliebigen Gegenständen. 3-D-Drucker sind inzwischen erschwinglich und das, was wir vor einigen Jahren als zukünftige Möglichkeit geschildert hatten, kann bald zur Realität werden. Ein Video dazu ist nachfolgend verlinkt:

Ich möchte für alle Interessenten auch auf eine Themenwoche von Deutschlandradio Kultur zu diesem Thema verweisen. [http://www.dradio.de/aktuell/1987311/]

Neues Meldegesetz

Irgendwie hatte ich so was fast erwartet: Der Fußball-EM-Taumel wird von der Bundesregierung genutzt, um möglichst unbemerkt die Lobbyinteressen von Unternehmen zu befriedigen. Am Abend des 28. Juni 2012, dem Abend, an dem Deutschland im Halbfinale aus dem EM-Fußball-Turnier ausschied, beschloss der Bundestag ein bundeeinheitliches Meldegesetz, welches ab 2014 die bisherigen, in jedem Bundesland anderen Meldegesetze ablösen soll.

Am Rande interessant ist die Anzahl der Abgeordneten, die an jenem Abend ihre Stimme angaben. Dazu nachfolgend ein Video des Bundestages [Quelle: bundestag.de]:

Was ist an dem neuen Gesetz so problematisch? – Bisher konnte jeder Bürger der Weitergabe seiner Meldedaten beispielsweise an Adress-Verlage widersprechen. Damit war gesichert, dass die Adresse nicht gehandelt werden konnte. Wenn ich, beispielsweise bei einem Versandhaus oder einem Online-Handel meine Adresse angebe, weil ich dort Kunde werden möchte, dann ist dies meine bewusste Entscheidung. Und der Händler darf meine Kundendaten nicht weitergeben. Auch kann ich, wenn auch meist im Kleingedruckten versteckt, der Nutzung meiner Daten für Marketingzwecke widersprechen, woran sich der Händler ebenfalls zu halten hat. Ich habe also zumindest grundsätzlich die Kontrolle über meine Daten.

In dem neu beschlossenen Gesetz ist es ebenfalls möglich, der Weitergabe meiner Daten zu widersprechen. So weit so gut. Aber: Einem Unternehmen, welches meine Daten bereits hat, ist es nun möglich, zum Zweck der „Überprüfung“ und „Aktualisierung“ Daten bei den Melderegistern abzufragen, auch wenn ich der Weitergabe eigentlich widersprochen habe. Die „Überprüfung“ beinhaltet auch Angaben wie Umzüge oder Todesfälle.

Das bedeutet faktisch, dass jemand, der irgendwann einmal an einem Preisausschreiben teilgenommen oder mal einen Katalog bestellt hat, die Aktualisierung seiner Daten bis zu seinem Tod nicht mehr verhindern kann und dass diese Daten dann vielleicht auch noch weiterverkauft werden.

Es lebe das Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Ein Dankeschön an die Regierung.

PS: Auf der Seite http://www.tagesschau.de/inland/meldewesen110.html gibt es am Ende eine Nicht-Repräsentative Umfrage, ob jemand mit damit einverstanden ist, dass das neue Meldegesetz den Adresshandel erlaubt. Mit Stand vom 8. Juli 2012 um 17:42 wurden insgesamt 42.015 Stimmen abgegeben, davon mit „Ja“ 337 (0,8%), mit „Nein“ 41.623 (99,1%) und mit „Keine Meinung“ 55 (0,1%). Eine so eindeutige Aussage habe ich im Web bisher selten gesehen.

Kohlendioxid-Konzentration in der Erdatmoshäre erreicht 400 ppm

Runde Zahlen haben irgendwo etwas magisches an sich – so ist es auch mit Messwerten, wie in diesem Fall mit dem Anteil von CO2 in der Atmosphäre, angegeben in der Maßeinheit ppm (Parts per Million – also Anteile bezogen auf eine Gesamtzahl von einer Million). In diesem Fall lautet die Zahl 400 und stellt genauso eine „magische“ Schwelle dar. Sicher, die Zahl ist reine Willkür, denn wenn der Wert in einer anderen Einheit gemessen würde, ergäbe sich eine völlig andere Zahl.

Trotzdem ist er wichtig. Wichtig, weil uns dieser Moment Anlass sein sollte, einmal innezuhalten, uns umzuschauen, was zu tun wir im Begriff sind. Und wichtig, weil natürlich nicht nur der Moment von Bedeutung ist, sondern auch der Trend und vielleicht daraus erwachsende Konsequenzen. Aber: Zurück zu dem oben genannten Wert.

Die staatliche US-Wetterbehörde NOAA hat in ihrer Messstation in Barrow in Alaska im April dieses Jahres erstmalig einen Monats-Mittelwert von 400 ppm CO2 Konzentration in der Atmosphäre gemessen [NOAA-Bericht dazu]. Erfahrungsgemäß wird dieser Wert etwa 2016 im weltweiten Jahresmittel erreicht werden. Der CO2-Anteil in der Erdatmosphäre hat wesentlich etwas mit unserem Klima zu tun, denn CO2 ist eines der bedeutendsten Klimagase und führt zur Erwärmung unserer Atmosphäre.

Hinzu kommt, dass dieser Wert bisher noch nie nachgewiesen wurde und sein heutiges Niveau durch menschliche Tätigkeit verursacht ist. Nun ja, wird vielleicht manch einer sagen, das gab es doch alles schon, der Wert schwankt doch immer. Hierzu hat die NOAA eine schöne Animation veröffentlicht:

Es zeigt sich: Sowohl der Wert selbst als auch die Geschwindigkeit seines Anstiegs sind einzigartig. Die Ursache dieser Singularität ist die Menschheit, genauer: die Art und Weise, wie wir Menschen seit etwa 200 Jahren leben und produzieren. Noch haben wir die Chance, durch eine grundlegende Änderung unserer Produktions- und Lebensweise den Anstieg abzuflachen und umzukehren. Dann würde unser Zeitalter als Peak, wie eine ultradünne Nadel herausragen aus der großen Kurve der erdgeschichtlichen CO2-Konzentration. Eine Nadel, die vielleicht kurze, heftige Schmerzen verursacht aber dafür ein dauerndes Siechtum verhindern könnte.

Risiken der Ölförderung in der Arktis sind nicht versicherbar

Irgendwie kennen wir das doch: Die Risiken industrieller Aktivitäten sind nicht versicherbar. Diese Tatsache ist für Kernkraftwerke bekannt – eine Haftpflichtversicherung für Kernkraftwerke gibt es nicht, weil die Folgeschäden einer Reaktorexplosion so hoch sind, dass keine Versicherung eine solche Police ausstellen würde. In Deutschland ist deshalb für solche Fälle eine Staathaftung vorgesehen. D. h., der Steuerzahler muss in diesem Fall haften.

Nun tun sich an anderen Stellen ähnliche Probleme auf: Die in der arktischen Region vorhandenen Gas- und Ölvorkommen sollen ausgebeutet werden. Große Konzerne sehen auf Grund der nach wie vor wachsenden Nachfrage wachsende Chancen auf neue, große Gewinne. Was aber, wenn in der Arktis ein Unglück passiert wie vor einem Jahr im Golf von Mexiko mit der Bohrplattform Deep Water Horizon? Oder wie 1989 mit der Exxon Valdez? Sind die Risiken der industriellen Nutzung des arktischen Raums versicherbar?

Einer der weltweit größten Versicherer ist Lloyd’s in London, und wenn irgendein Risiko halbwegs sinnvoll berechenbar ist, so wird es bei Lloyd’s auch versicherbar sein – schließlich verdient Lloyd’s damit sein Geld. Bezüglich der Risiken der industriellen Erschließung der arktischen Region gibt es jedoch keine Erfahrungen. Deshalb haben Lloyd’s of London und Chatham House eine entsprechende Studie „Arctic opening“ erstellt. Im Ergebnis warnen die Autoren, dass die Umweltfolgen einer Katastrophe in der Arktis wahrscheinlich schlimmer sind, als in anderen Regionen. Es gebe „Unsicherheiten“, wie mit den Risiken industrieller Aktivitäten umgegangen werden könne.

Wahrscheinlich bedeutet dieses Ergebnis, dass Lloyd’s eine Versicherung der Risiken von Gas- und Ölförderungen in der Arktis wohl ablehnen wird. Weitere Informationen dazu u. a. in Berichten in den Tageszeitungen Neues Deutschland und TAZ.