Schlagwort-Archive: Ökologie

Klima- oder gesellschaftlicher Umbruch

Ein Vierteljahrhundert geht dieser Zirkus nun schon. Eine Umwelt- und Klimakonferenz jagt die nächste. Jetzt macht der Zirkus wieder mal in Deutschland halt, beim Bonner Klimagipfel 2017. Die Lage könnte nicht ernster sein. Gerade wurde mitgeteilt, dass im Jahr 2016 die CO2-Konzentration um 50 Prozent schneller stieg als im Schnitt der vergangenen 10 Jahre. Neben einem Einfluss durch den El Nino-Effekt sind dafür wieder menschliche Aktivitäten verantwortlich. Und das hat Folgen (WMO 2017). Die bisherigen Emissionen führen bereits zu einem deutlichen globalen durchschnittlichen Temperaturanstieg seit mindestens 40 Jahren:


Und in dem Vierteljahrhundert, seitdem Bemühungen um eine Reduzierung begonnen haben, wurde nur wenig erreicht. Der Anstieg überschreitet die damals prognostizierten pessimistischsten Szenarien. Dabei ist inzwischen bekannt, dass die Folgen einer globalen Erwärmung drastischer ausfallen, als noch gedacht wurde, als das 2-Grad-Ziel ausgerufen wurde. In Paris wurde deshalb anerkannt, dass der Temperaturanstieg bei unter 1,5 Grad gehalten werden müsse, um große Schäden zu verhindern. Davon sind wir weiter entfernt als je zuvor.

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Klimawandel – aus zwei Perspektiven

Donald Trump meint, es gäbe keinen Klimawandel, nur Wetter. Was das Wetter der letzten Jahre für einen normalen Kleinbauern in Kenia bedeutet, das filmt er zum Teil selbst für die Dokumentation „Danke für den Regen“, die vorgestern abend in ARTE gezeigt wurde. Kisilu Musyas will sich mit seiner Familie und den Nachbarn einrichten auf die Veränderungen, initiiert das Pflanzen von Bäumen und vernachlässigt über seinen Touren in Nachbargemeinden sogar die Arbeit auf den eigenen Feldern. Viel Arbeit steckt in den Pflanzungen, jeder Kübel Wasser muss zu jedem Bäumchen und Pflänzchen geschleppt werden. Als endlich die Regenzeit naht, geht der begrüßte Regen in der Nacht in ein gewaltiges Gewitter über und am Morgen ist das Land überschwemmt und die Pflanzen sind weggespült. Wir kennen diese Regengüsse inzwischen auch, aber für niemanden sind sie so unheilvoll wie für diese armen Regionen. Wieviele Bäuerinnen und Bauern trifft es ähnlich hart wie Kisilu? Er jedenfalls bekommt die Gelegenheit, zum Klimagipfel nach Paris zu fahren und dort zu berichten von seinem Leben und seinem Kampf mit den Auswirkungen des Klimawandels. Dieser kleine Mann auf so einer großen Konferenz. Fast möchte man meinen, das würde eine Erfolgsgeschichte. Aber die Realität, die ist nicht so. Während die Großen sich streiten um eine Vereinbarung, läuft Kisilu durch die Kulissen und muss sich solche Sprüche wie von Trump anhören. Viel optimistischer wird’s nicht mehr. Zu Hause erzählt Kisilu seinen Nachbarinnen und Nachbarn, welche Probleme Menschen anderswo mit dem Klimawandel haben und organisiert weiter das Pflanzen von Bäumen.

„Danke für den Regen“ in der ARTE-Mediathek
(bis 16. 11. 2017)

Wie schnell der Klimawandel voranschreitet, sollte inzwischen auch zum Allgemeinwissen gehören, das wir nur allzugerne immer wieder verdrängen. Wirklich erschrocken sind wahrscheinlich die Wissenschaftler in den 90ern, als sie Filme und Daten zu sehen bekommen, die Geheimdienste seit Jahrzehnten vor allem über Zustand der Arktis unter Verschluss hielten. Es gab eine Zeit, in der das Ende des Kalten Krieges tatsächlich eine Tür öffnete hin zu einer Kooperation der früheren Feinde im Interesse des Erhalts einer lebenswerten Umwelt für alle Menschen. Al Gore, der später mit seinem Film „Eine unbequeme Wahrheit“ berühmt wurde, war auf die Idee gekommen, dass die Zeit gekommen sei, die Daten der Geheimdienste für eine wissenschaftliche Auswertung zur Verfügung zu stellen. Als ich die Reportage „Die Klima-Spione“ ansah, fühlte ich mich wie in eine andere Welt versetzt. Die früheren Gegner tun sich zusammen, um einer größeren Gefahr zu begegnen. Für einige Jahre, auf einem begrenzten, aber extrem wichtigen Bereich wurde dies ab 1995 Wirklichkeit. Im Projekt „Medea“ stellten US-amerikanische wie russische Geheimdienste und Arktisforscher ihre Daten für eine wissenschaftliche Auswertung zur Verfügung. Zum ersten Mal konnten die Spionagebilder aus verschiedenen Jahren zusammengesetzt werden zu einem Film, der das rasante Abschmelzen des Meereises im Arktisbereich zeigt. Und zum ersten Mal arbeiteten Wissenschaftler wie Geheimdienstmitarbeiter von früher verfeindeten Ländern fast freundschaftlich zusammen. Aber diese Zeit endete mit der Präsidentschaft von G.W. Bush und konnte später nur teilweise wieder belebt werden. Ein „Wimpernschlag in der Geschichte“ war die Welt so, wie sie hätte sein sollen, wenn alles gut werden soll.

„Die Klima-Spione“ in der ARTE-Mediathek
(bis 16.12.2017)

(Mehr zum Projekt Medea (Englisch): http://www.nopp.org/wp-content/uploads/2010/06/85.pdf)

Bioökonomie – der alte neue Hype zur Rettung von Kapitalismus und Welt

Wir waren gestern abend bei einer Veranstaltung zum Thema

Bioökonomie: Ökologische Modernisierung der imperialen Lebensweise?

Diese Veranstaltung wurde ausgerichtet von der BMBF-Nachwuchsgruppe „Bioökonomie und Soziale Ungleichheiten“ an der Universität Jena.

Bioökonomie

„Bioökonomie“ ist ein neuer Hype, für den es seit 2009 von der OECD und seit 2012 auch von der EU ein Strategiepapier gibt. Mit ihm soll nun endlich die Wirtschaft gleichzeitig ökologisch werden und die ökologischen Probleme wirtschaftlich profitabel gelöst werden. Bioökonomie soll Antwort auf die drängendsten Fragen der Zeit „wie sie sich etwa im Klimawandel, dem Biodiversitätsverlust, der Nahrungsmittel-verknappung und der Ressourcenübernutzung (von Öl bis zu Agrarflächen) zeigen“ (Working Paper 1: 21.) geben. Dabei soll eine Win-Win-Situation geschaffen werden. In den OECD- und den EU-Papieren unterscheiden sich der Inhalt und die Orientierung:

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USA kündigt das Pariser Klimaschutzabkommen

Nun ist es also raus: Mr. President Herr Donald Trump verkündet den Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaschutzabkommen. Er begründet das zuerst damit, dass es für die USA zu teuer sei. Tatsächlich wurde in Paris vereinbart, dass die Verursacherländer den Ländern, in denen die Folgen des Klimawandels am stärksten zu spüren sind, finanziell unterstützen bei der Klimaanpassung und bei der Errichtung nachhaltiger Wirtschaftskreisläufe. Herr Trump steckt das Geld offensichtlich lieber in die Rüstung. Weiterlesen

… Grad schlägt es Zwölf…

Oder:
Welche Welt vererben
wir unseren Kindern?


In den folgenden Beiträgen gibt es wieder mal eine Folge von Texten, die zusammen gehören, aber in leichter „verdaulichen“ Einzelbeiträgen dargestellt sind. Angesichts der immer wieder neuen Meldungen zum Klimawandel habe ich wieder vieles zusammen gefasst. Entwarnung kann leider nicht gegeben werden.


Anhang:

 

kurz vor Zwölf – allerhöchste Zeit zu Handeln

Vielen Menschen ist die Dramatik des Klimawandels nicht bewusst – schließlich ist er im Alltag nicht unmittelbar erfahrbar. Und wenn „Jahrhundert-Ereignisse“ in einem Jahrzehnt mehrfach vorkommen, dann gibt es zwar in den Medien den Verweis auf den Klimawandel, aber immer auch verbunden mit der Aussage „es ist halt das Wetter …“. Landwirte spüren eher, dass sich in den letzten Jahren etwas gewandelt hat.

Screenshot der Seite openclimatedata.net

Screenshot der Seite openclimatedata.net vom 7. Oktober 2016


Einen Eindruck von der Entwicklung der wichtigsten Parameter im Zusammenhang mit dem Klimawandel und der damit verbundenen Dramatik vermittelt die Website openclimatedata.net. Hier werden auf der Seite „Climate Spirals“ animierte Grafiken dargestellt, welche die Entwicklung des CO2-Gehalts in der Atmosphäre und die mittlere globale Temperatur von 1857 bis 2015 darstellen. Ebenso dargestellt ist die Auslastung des globalen Kohlenstoffbudgets bis zur 1,5- bzw. 2-Grad-Grenze. Interessant ist vor allem die Geschwindigkeit der Veränderungen über die Zeit.

Bitte um Mitarbeit bei der Erläuterung und Recherche von Planetaren Grenzen, zur Nachhaltigkeit etc.

Wir arbeiten ja nun schon seit einigen Monaten an neuen Zusammenfassungen unserer Einschätzung der Lage der Menschheit auf diesem Planeten: http://wiki.zw-jena.de/index.php?title=INFO_2015.

Gleichzeitig hat sich die Zusammensetzung unserer „Zukunftswerkstatt“, die zudem sehr klein geworden ist und sich nur noch selten trifft, geändert. Aber zumindest zwei von uns tragen immer mal wieder was zusammen; die Texte schreibe meistens vorwiegend ich – aber das kann sich gerne wieder ändern.

Im Moment bereite ich zwei Vorträge vor, die etwas mit der Verschärfung der „Globalen Probleme“ zu tun haben, also dem „Anthropozän“ und dem Zusammenhang dessen mit der kapitalistischen Grundlage unserer Wirtschafts- und Lebensweise.

Um dort noch etwas prägnantere Aussagen machen zu können und dann noch (mindestens) einen Text dazu fertig stellen zu können, könnten wir die Mitarbeit zu folgenden Themen brauchen:

1. Darstellung und Erläuterung zu den 9 „Planetaren Grenzen“. Hierzu gibts einen recht guten (engl.) Text (http://www.ecologyandsociety.org/vol14/iss2/art32/ES-2009-3180.pdf). Oder Ihr findet anderswo schon eine gute deutsche Zusammenfassung dieser einzelnen Punkte. Ein Text von mir zu den „Planetaren Grenzen“ (https://philosophenstuebchen.wordpress.com/2015/05/31/planetare-grenzen/) bricht genau da ab, wo es mit der Erläuterung der einzelnen Punkte weiter gehen soll.

2. Seit Mitte der 90er Jahre gibt es das Konzept der „Nachhaltigkeit“ bzw. des „Zukunftsfähigen Deutschland“. Auch international wurden damals die ersten Ziele für Senkungen der Umweltbelastung bis 2020, 2050 usw. getroffen. Wir brauchen dazu jetzt mal eine Ergebniskontrolle. Findet Ihr dazu schon was Zusammengestelltes, bzw. helft uns, die Daten dafür zusammen zu tragen? (global, EU-weit und/oder deutschlandbezogen)

3. Inwiefern kann man zeigen, dass die kapitalistische Wirtschafts- und Lebensweise für die Überschreitung der „Planetaren Grenzen“ verantwortlich ist?

Diese Ergebnisse fließen dann in entsprechende Äußerungen (Vorträge, Texte) von uns mit ein, natürlich auch mit Namensnennung der Teilbeiträge.

Ihr könnt die Ergebnisse selbst irgendwo online stellen, oder uns schicken (an infoATzw-jena.de) zum Einarbeiten in die Vorträge udn Texte oder auch zur Einzelveröffentlichung in unserem ZW-Blog und dem ZW-Wiki.

Danke schon mal fürs Gedanken-Machen…

P.S. Zum Prinzip dieser Aufforderung gibts einen einführenden Text über die „Stigmergie“ im Keimform-Blog.

Migration und Flucht im Kapitalozän

Klimafluechtlinge_klein„Globale Probleme der Menschheit“, so wurde schon vor einem Vierteljahrhundert der Komplex von drohenden Gefahren für die gesamte Menschheit genannt. Die Kriegsgefahr, vor allem angesichts der globalen Verbreitung von Atomwaffen, war das „Globale Problem Nummer Eins“. Gleich danach kam dann die allgegenwärtige Umweltvergiftung in West wie Ost, erkennbar am Baumsterben und vergifteten Flüssen. Auch die Endlichkeit von Ressourcen ließ eine „Grenze des Wachstums“ erahnen.

Seit ungefähr dieser Zeit erreichte auch der real existierende Kapitalismus eine neue Entwicklungsstufe: Der Neoliberalismus fegte seitdem in aller Welt Sozialsysteme und nichtkapitalistische Lebensformen hinweg. Alle vorher geschützten öffentlichen Lebensbereiche wie Gesundheitswesen und Bildung werden weitgehend kommerzialisiert, aber der Profit reicht nicht aus, die Kapitalakkumulationserwartungen aus der vergangenen und gegenwärtigen Ausbeutung heraus zu erfüllen. Stattdessen werden ungedeckte Anleihen aus einer erwarteten zukünftigen Ausbeutung zur Grundlage der Wirtschaft.

Verlorene Jahrzehnte für 99 % der Menschen, denen andere Lebensgrundlagen entrissen wurden und die von nicht ausreichend vorhandener Lohnarbeit abhängen. Stagnation der Gehälter und Prekarisierung für die immer härter Arbeitenden und Verelendung für die anschwellende Arbeitsreservearmee. Dem steht ein unermeßlicher Reichtum auf der anderen Seite gegenüber, begleitet vom weiteren Aushebeln der bisherigen bürgerlich-demokratischen Ausgleichsmechanismen. Verlorene Jahrzehnte auch für die meisten „unterentwickelten“ Regionen dieser Erde beim „Nachholen“ der Entwicklung.

Hier gehts weiter (pdf-Datei).

(Bildquelle: Gerhard Mester)