Engel, Geister, Spiritualismus: alles “global scaliert”?

Am 23. Oktober 2008 fand in der offenen Arbeit Erfurt ein Vortrag mit anschließender reger Diskussion unter dem Titel „alles global scaliert?“ statt.

Eine ganze Reihe interessierter Zuhörer lauschten den Ausführungen von Annette, welche zuerst kurz die wichtigsten Grundlagen und Konsequenzen der Theorie des „global scaling®“ von Dr. H. Müller vorstellte. Dessen Theorie besagt, dass allen Dingen im Universum eine besondere, auf Resonanzen und stehenden Wellen beruhende, logarithmische und skaleninvariante Verteilung zugrunde liegt.

Diese Verteilung ist fraktal, das bedeutet, dass die Muster dieser Verteilung sich in unterschiedlichsten Maßstäben immer wiederholen und sich somit von atomaren bis astronomischen Dimensionen wiederfinden. Sie gelten also überall und jedes System wird sich, wenn es in einem stabilen Zustand existiert, in diesem Muster wiederfinden.

Ist ein System nicht entsprechend diesem Muster zu finden, dann ist es instabil und befindet sich in Wandlung auf eine Position hin, die diesem Muster entspricht. Da diese Verteilungsfunktion keine physikalische Dimension hat – sie wird immer auf die entsprechenden Größen eines Protons als dem stabilsten „Elementarteilchen“ bezogen und deshalb auch als „Protonenresonanz“ bezeichnet – kann sie universell angewendet werden.

Tatsächlich lassen sich viele natürliche Phänomene beobachten, die einer solchen Verteilung entsprechen. Jedoch gibt es in jedem Fall auch andere plausible Erklärungen, die ohne das Wirken der Müllerschen Protonenresonanz auskommen. Auch Beispiele bzw. Abbildungen, die in den Veröffentlichungen von Dr. H. Müller angegeben werden, sind aus physikalischer Sicht falsch bzw. irreführend.

So weit so gut bzw. schlecht. Es gibt viele Theorien, die, gelinde gesagt „krude“ sind. Es gibt auch viele Theorien, die schlicht und ergreifend falsch sind. Das ist zuerst einmal kein grundsätzliches Problem. Es gibt auch Theorien, die nach ihrer Veröffentlichung nicht beachtet wurden und erst Jahre später ihre Anerkennung fanden. Problematisch wird es jedoch, wenn eine Theorie behauptet, die gesamte Welt umfassend und vollständig erklären zu können. Und noch problematischer wird es, wenn im Zusammenhang mit solchen Fragen plötzlich Software ins Spiel kommt, deren Quelltext nicht veröffentlich wird, weil nur auf diesem Weg für alle (Sachkundigen) nachprüfbar ist, was da passiert. Und ganz vorsichtig, geradezu hellhörig werde ich, wenn ein tiefgründiges Studium der Theorie nur gegen entsprechendes Entgelt im Privatinstitut möglich ist.

Was bitte hat das mit freier Wissenschaft, die um Erkenntnisgewinn ringt, zu tun?

Ein weiterer Aspekt, der von Annette erwähnt wurde, macht mich ebenfalls stutzig: Es gibt Patent-Anmeldungen von Dr. Müller, denen seine Theorie zugrunde liegt. Ein Patent bezieht sich auf den Bereich der Kryptografie. Ein solches Verhalten gilt in Kreisen von Mathematikern, die sich mit Fragen der Kryptografie befassen als hochgradig unseriös. Eine solche Geheimhaltung wird als „Security by obscurity“ bezeichnet und prinzipiell abgelehnt. Als seriös gilt einzig und allein die vollständige Offenlegung des zugrundliegenden kryptografischen Verfahrens, damit alle Welt sich davon überzeugen kann, dass das Verfahren wirklich sicher ist – dann wird es auch anerkannt. Oder es wird belegt, dass das Verfahren nicht sicher ist, dann kann es eventuell weiterentwickelt werden.

Bleibt die Frage, was die Theorie von Dr. Müller mit dem Festival „open your heart“, welches vor kurzem in Erfurt statt fand, zu tun hat, auf dem sie von ihm persönlich vorgestellt wurde.

Nun sie bietet vielleicht eine intellektuell durchaus anspruchsvolle, sich wissenschaftlich darstellende und einen seriösen Anstrich gebende Grundlage, mit der sich alles und nichts erklären lässt. Es ist doch nützlich, einem potentiellen Kunden nicht nur durch ein Horoskop oder aus dem Kaffeesatz heraus, sondern durch die Darstellung seiner momentanen Lebenssituation auf der universellen globalen Skala von Herrn. Dr. Müller zu zeigen, dass es für ihn dringend empfehlenswert sei, sich umgehend zu einem Heiler zu begeben, der seinen Energiefluss wieder harmonisiert… Um im Ergebnis kann der Kunde dann wirklich sehen, wie sich seine Lebenssituation nunmehr an einer absolut stabilen Position der Müllerschen Skala findet. Und wenn nicht, nun dann sind eben noch zwei, drei Sitzungen nötig… Vielleicht kann ja sogar noch eine Korrelation nachgewiesen werden: Zwischen dem Kontostand des Kunden und der Stabilität seiner Befindlichkeit auf der Skala.

Auf jeden Fall: Alles ist wohl begründet. Ich muss nur noch schauen, dass ich mich immer an einer geeigneten, stabilen, für mich günstigen Position befinde, die ich mit der Theorie von Herrn Dr. Müller mit Hilfe des von ihm käuflich zu erwerbenden Laptops täglich neu berechnen kann. An den Ursachen und Randbedingungen kann eh nichts geändert werden, die sind „global scaliert“ gegeben.

Ich vertraue da eher auf meine bisherige Lebenserfahrung: Wenn irgendjemand behauptet „… das ist so.“ oder „… das war schon immer so.“ dann ist meistens irgendwas grundlegend faul. Und dann fange ich gewöhnlich erst recht an, die Dinge anzuzweifeln und kritisch zu hinterfragen um meine Entscheidungen möglichst bewusst selbst treffen zu können. Denn: wer möchte sich denn schon gerne „über den Tisch“ ziehen lassen?

Reiner.

5 Gedanken zu „Engel, Geister, Spiritualismus: alles “global scaliert”?

  1. Annette

    … kleine Richtigstellung zum vorletzen Absatz:
    Käuflich zu erwerben ist nicht der Laptop von Dr. Müller, sondern eine Software (ein “Global Scaling Calculator”) für 3300 Euro.

  2. Benni Bärmann

    “Ein Patent bezieht sich auf den Bereich der Kryptografie. Ein solches Verhalten gilt in Kreisen von Mathematikern, die sich mit Fragen der Kryptografie befassen als hochgradig unseriös. Eine solche Geheimhaltung wird als „Security by obscurity“ bezeichnet und prinzipiell abgelehnt.”

    Das ist ein schlechtes Argument. Ein Patent beinhaltet ja gerade die Offenlegung. Allerdings auch, dass das Patentierte von anderen benutzt werden kann.

    Ansonsten danke für die Mühe! Immerhin gibt es jetzt auch was kritisches zu dem Quatsch im Netz. Der Global Scaling Calculator ist wahrscheinlich genauso sinnvoll wie der Amokanalyst. Vielleicht sollte ich für den auch 3300 Euro nehmen?

  3. annette

    Diese Preisangabe steht im immer noch als aktuell verkauften “special” der Zeitschrift zeit&raum. Da der aber alte Artikel zusammenstellt, kann es sein, dass es inzwischen einen Preissturz gab…
    Da das Ausrechnen von x/xp und danach die ln-Berechnung jedes kleine Rechenprogrämmchen, sogar Excel, kann, ist der Preis immer noch viel zu hoch ;-)

    Ahoi Annette

  4. annette

    Die Patentargumentation ist sowieso in mehrerer Hinsicht irrtümlich. Einmal behauptet Herr Müller in Patenten, “GS (R) ist ein eingeführter physikalischer Begriff” und im GS-Kompendium, die GS-Methoden seien patentrechtlich geschützt. Das wird jeweils gegenseitig als Autoritätsstütze verwendet.

    Faktisch ist es so, das 2004 5 Patente angemeldet worden sind, von denen eine Anmeldung bereits zurückgenommen und zwei zurückgewiesen sind. Bei den anderen ist die Prüfung noch im Gange. Eine der Zurückweisungen spricht Klartext: Sie beschreibt, dass “eine sinnvolle Recherche nicht möglich ist”. Es “ist weder in den Ansprüchen, noch in der Beschreibung und den Figuren klar und offenbart, in wie fern die gefundenen Werte “optimal” sind. Dies beruht darauf, daß eine “Global Scaling Optimierung” keinem fachüblichen oder bekannten Optimierungskritierum entspricht und die Theorie des “Global Scaling” in der Physik nicht als anerkannte Methode gilt.” usw.usf.
    Im Verschlüsselungspatent (DE 10 2004 040 654) wird einiges über Quantenkryptokraphie geschrieben und dann übergangslos behauptet: “Der Austausch des Schlüssels basiert auf Grundlage von Global Scaling.” usw. usf. Genau betrachtet soll der Schlüsselaustausch dem “physikalischen Modell der Verschränkung von Quantenzuständen” entsprechen. Prima… da wird mit der Faszination des Neuen und dem Unwissen über dessen tatsächlichen Inhalt und Entwicklungsstand gespielt.
    Wer das glaubt, ist selber schuld…

    Tatsächlich ist es so, dass nach Patentanmeldungen der Inhalt ab Anmeldetag geschützt ist. Ob aus der Anmeldung und Offenlegung aber ein geschütztes Patent wird, ist noch längst nicht klar. Es gibt viel, viel mehr offenbarte Patente, die dann aber entweder wieder aufgegeben oder nicht zur Prüfung angemeldet wurden, als Patente die wirklich rechtsgültig als den Patentrichtlinien entsprechend geschützt werden. Hoffen wir mal, dass die Patentprüfer in unseren Fällen ähnlich entscheiden wie in den schon erfolgten Ablehnungen.

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